Autor:innen: Franziska Alpen, Benjamin Jäger | Hamburgische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V.
Gesundheit ist (k)eine Privatsache

Warum soziale Ungleichheit krank macht

Innenaufnahme einer vollen U-Bahn.
Lebensumstände haben starken Einfluss auf die Gesundheit.
Pixabay I Engin_Akyurt

Wer gesund leben möchte, braucht mehr als Wissen und Disziplin: eine sichere Umgebung, verständliche Informationen, Zeit und Geld, sind ebenso entscheidend. Der folgende Artikel zeigt, warum soziale Ungleichheit sich negativ auf die Gesundheit auswirken kann – und wie das Projekt NAVIGATION Menschen in belastenden Lebenslagen unter anderem mit Gruppenangeboten konkret unterstützt.

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Soziale Lage und Gesundheit hängen zusammen

Oft wird Gesundheit als individuelle Verantwortung verstanden – als Ergebnis von Lebensstil und Selbstbeherrschung. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass Gesundheit eng mit gesellschaftlichen Bedingungen verknüpft ist. Die soziale Lage – konkret Einkommen, Bildung, Beruf und Wohnumfeld eines Menschen – beeinflusst maßgeblich wie gesund Menschen sind, wie alt sie werden und ob und in welchem Umfang sie Zugang zum Gesundheitssystem finden.

Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status (SES) haben ein erhöhtes Risiko für chronische Erkrankungen und eine deutlich geringere Lebenserwartung als Personen mit höherem Status. So geben Personen der niedrigen Bildungsgruppe (61,9%) häufiger an, mit chronischen Krankheiten diagnostiziert zu werden, als Menschen der mittleren (51,0%) oder der hohen Bildungsgruppe (46,7%) (vgl. RKI, 2025).

Soziales Umfeld, strukturelle Rahmenbedingungen und das eigene Verhalten sind gemeinsam entscheidend für unsere Gesundheit

Gesundheit wird von vielen Faktoren beeinflusst: Neben genetischen Faktoren wie Geschlecht und Veranlagungen spielt auch das eigene Gesundheitsverhalten eine Rolle, z.B. wie wir uns ernähren oder wie viel wir uns bewegen. Ebenso relevant ist in diesem Kontext allerdings auch das soziale Umfeld. Die Bedingungen, unter denen Menschen leben, wohnen und arbeiten haben ebenfalls einen entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit. Noch eine Ebene darüber wirken gesellschaftliche Rahmenbedingungen – also politische und wirtschaftliche Strukturen, die Gesundheit fördern oder gefährden können.

Diese strukturellen Rahmenbedingungen werden häufig unterschätzt, obwohl sie von zentraler Bedeutung sind: So werden in der Politik Entscheidungen über Mietpreise, Verkehrsanbindungen oder Sozialleistungen getroffen, die direkt auf die Gesundheit vieler Menschen wirken. Wer zum Beispiel an einer stark befahrenen Straße wohnt, ist dauerhaft einer höheren Feinstaub- und Lärmbelastung ausgesetzt – mit nachgewiesenen Folgen für die Gesundheit (vgl. Mielck & Wild, 2022).

Wie wirken sich unterschiedliche Faktoren aufeinander aus?

Das sogenannte Regenbogenmodell, welches zu Beginn der 1990er Jahre von Göran Dahlgren und Margret Whitehead entwickelt wurde, veranschaulicht die bereits genannten Einflussfaktoren auf unsere Gesundheit. Es stellt diese individuellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Einflüsse auf verschiedenen Ebenen dar und zeigt, wie sie ineinandergreifen und auch Auswirkungen aufeinander haben. So kann Arbeitslosigkeit z. B. zu sozialen Belastungen führen und das Risiko psychischer Erkrankungen erhöhen. Wohnbedingungen wirken ebenfalls stark: Eine feuchte Wohnung gefährdet direkt die Gesundheit, etwa durch Schimmelbildung, und kann zusätzlich Stress hervorrufen, der sich auf das Wohlbefinden auswirkt. 

Dabei ist nicht jede Ebene für alle Menschen gleich gut beeinflussbar. Während die genetischen Faktoren und ihr Einfluss auf unsere Gesundheit wie z.B. eine ererbte Veranlagung zu Allergien nicht veränderbar sind, profitieren Personen mit höherem Einkommen und Bildungsniveau oft stärker von gesundheitsförderlichen Rahmenbedingungen. Sie haben z.B. bessere Chancen auf gute Wohn- und Arbeitsbedingungen, können häufiger Angebote zur Gesundheitsförderung nutzen oder sich ausgewogener ernähren. Menschen in belastenden Lebenslagen stoßen hingegen schneller an strukturelle Grenzen (vgl. Mielck & Wild, 2022). 

Lösungsansatz Verhältnisprävention

Wer sich gesund verhalten will, braucht dafür die passenden Voraussetzungen: eine sichere Umgebung, Informationen und Unterstützungsangebote, die verständlich und zugänglich sind, finanzielle und zeitliche Ressourcen (vgl. Bak, 2023). Verhältnisprävention zielt auf eine Veränderung der Strukturen und Lebensbedingungen ab, unter denen der Erhalt oder die Wiedererlangung von Gesundheit gut möglich oder eben auch erschwert sind.

Mit Verhältnisprävention wird also ein Rahmen geschaffen, der Menschen die Chance auf ein gesundes Leben geben soll. Dazu gehört auch, dass Menschen sich im Gesundheitssystem orientieren können: Wer ist zuständig? Welche Angebote gibt es? Wie finde ich passende Unterstützung? Diese Fähigkeit wird als navigationale Gesundheitskompetenz bezeichnet. Sie ist entscheidend dafür, dass Menschen sich in unserem Gesundheitswesen zurechtfinden – besonders in belasteten Lebenslagen. Die Förderung dieser Kompetenz ist ein Ziel der Verhältnisprävention (vgl. Schaeffer et al., 2021). Genau hier setzt der Gedanke der gesundheitlichen Chancengleichheit an: Denn Gesundheit darf nicht von Wohnort, Bildungsweg oder Kontostand abhängen – sondern muss für alle zugänglich sein.

Das Projekt NAVIGATION zeigt neue Wege auf

Das Projekt NAVIGATION verbessert die Zugänglichkeit zur Versorgung, etwa durch Sprachmittlung, Hausbesuche oder Unterstützung bei bürokratischen Hürden, und stärkt die Gesundheitskompetenz von Patient:innen. Gleichzeitig fördert es Empowerment: Patient:innen werden ermutigt, ihre Rechte wahrzunehmen und gemeinsam auf gesundheitsrelevante Herausforderungen zu reagieren. Im Rahmen des Versorgungspfades können sie dabei sowohl verschiedene individuelle Unterstützungsleistungen in Anspruch nehmen als auch an speziell konzipierten Gruppenangeboten teilnehmen.

Praktischer Support und gegenseitige Stärkung durch Gruppenangebote

Die im Projekt entwickelten Gruppenangebote adressieren konkret erlebte Belastungen der Patient:innen. Dabei geht es nicht nur um eine reine Wissensvermittlung oder Verhaltensänderungen, sondern viel mehr um den Austausch über gemeinsame Herausforderungen – z.B. über Erfahrungen im Gesundheitssystem, psychische Belastungen, finanzielle Sorgen, Diskriminierung, aber auch mehr Bewegung im Alltag.

Viele Teilnehmer*innen bringen ähnliche Erfahrungen mit – etwa, wie herausfordernd es ist, keinen bezahlbaren Wohnraum zu finden oder sich im Gesundheitssystem verloren zu fühlen. Durch den Austausch entstehen Verständnis, Solidarität sowie kollektive Handlungsimpulse – und nicht zuletzt eine gestärkte Gesundheitskompetenz bei den Teilnehmenden (vgl. Dierks & Kofahl, 2019).

Das Regenbogenmodell als Kompass

Das Regenbogenmodell ist im Projekt NAVIGATION nicht nur Theorie, sondern das Herzstück der Gruppenangebote: Es unterstützt die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Frage, welche sozialen Bedingungen auf unterschiedlichen Ebenen auf die Gesundheit wirken – und wo einzelne Menschen oder Gruppen überhaupt Handlungsspielräume haben.

Um diesen Prozess anschaulich zu gestalten, wurde ein eigenes, an das klassische Regenbogenmodell angelehntes Modell entwickelt. Im Vergleich zum Original ist es stärker auf die Lebensrealität der Teilnehmenden ausgerichtet: Die Beschriftung der Ebenen ist in einfacher Sprache verfasst, zahlreiche Icons stehen für konkret erlebte Einflussfaktoren – etwa Diskriminierung, Sprachbarrieren oder Hilfesysteme wie das Jobcenter. Viele dieser Aspekte wurden aufgenommen, weil sie in der wissenschaftlichen Literatur als zentrale Belastungen beschrieben sind, und auch von Teilnehmenden in der Praxis immer wieder benannt werden.

Regenbogenmodell: Visualisierung für die Zielgruppe Fachkräfte (2025)

Ein weiterer Vorteil: Für das Projekt wurde das Modell als Magnetwand erstellt, die Icons sind beweglich. Somit können die Beteiligten sichtbar machen, wie viele Einflussfaktoren auf mehreren Ebenen wirken und individuelle und strukturelle Bedingungen immer im Zusammenhang miteinander stehen. In einem Gruppenangebot zum Thema „psychische Belastung“ stehen dann beispielsweise nicht Entspannungsübungen im Mittelpunkt, sondern die gemeinsame Reflektion darüber, wie Erfahrungen mit Diskriminierung, unsicheren Wohnverhältnissen oder familiärer Prägung das seelische Wohlbefinden beeinflussen. 

Die Gruppenangebote schaffen auf diese Weise Räume, in denen Erfahrungen geteilt, neue Perspektiven eröffnet und gegenseitige Unterstützung möglich wird. Dieses Peer-Element ist zentral: Es geht nicht um Expert:innenwissen „von oben“, sondern um geteiltes Wissen auf Augenhöhe – und um die gemeinsame Suche nach Wegen zu mehr Gesundheit im Alltag. Die Versorgenden übernehmen dabei die Rolle von Moderator:innen: Sie strukturieren den Austausch, sorgen für einen geschützten Rahmen und bringen bei Bedarf fachliche Impulse ein.

Um langfristige Veränderungen anzustoßen, reicht allerdings ein einmaliges Gruppenangebot zu einem Thema nicht aus. Deshalb erhalten die Teilnehmenden in den Gruppen nicht nur Impulse von den Teilnehemden, sondern auch von den Versorgenden. Sie geben konkrete Anknüpfungspunkte für weiterführende Unterstützung, etwa durch Infomaterial, Hinweise auf Beratungsstellen oder individuelle Begleitung im Rahmen des weiteren NAVIGATION-Versorgungspfades. Darüber hinaus bauen Teilnehmende und Versorgende gemeinsam gezielt Verbindungen in den Sozialraum ausgebaut – damit die Gruppenangebote keine isolierten Inseln bleiben, sondern Teil eines tragfähigen Netzes werden, das Gesundheit im Alltag erfahrbar macht.

Wie NAVIGATION zur gesundheitlichen Chancengleichheit beiträgt

NAVIGATION ermöglicht, dass Menschen in belastenden Lebenslagen neue Handlungsräume erkennen, ihre Selbstwirksamkeit stärken und solidarische Prozesse anstoßen. Denn das ist nicht nur wichtig, sondern eine Notwendigkeit: Gesundheit ist ein Menschenrecht – kein Privileg. Entsprechend ist gesundheitliche Chancengleichheit keine Randfrage, sondern ein zentrales Ziel für eine gerechtere Gesellschaft. NAVIGATION leistet hierzu einen entscheidenden Beitrag – mit Angeboten, die niedrigschwellig und empowernd gestaltet sind. So trägt das Projekt dazu bei, gesundheitliche Ungleichheiten zu verringern – konkret, alltagsnah und gemeinsam mit den Menschen, die besonders stark belastet sind.